wenn das wild anders kommt als gedacht
Was tun, wenn ein Stück Wild so weit seitlich austritt, dass es aus einem Anschlag mit der gewohnten Hand nicht sicher erlegt werden kann? Torsten zeigt auf, welche Vorteile es hat, auch die Schussabgabe mit der schwachen Hand zu üben und durchzuführen.
An einem Samstag im Sommer hatten wir einen kleinen Sammelansitz im Revier: Jagdkollege Sebastian war auf der „Bienenkanzel“ gewesen, Jungjäger Ernst auf der „Rückwechselleiter“ und ich auf der „Hohen 14“. Um halb Neun trafen wir uns an der Kühlkammer und Sebastian versorgte seinen Bock, ich hatte Gaiß und Kitz beobachtet. Ernst sah etwas belämmert drein: „Mir kam ein Spießer – aber der war auf 60 Schritt an der Waldkante rechts neben mir! So weit konnte ich mich nicht verdrehen, dass ich ihn ins Zielfernrohr bekommen hätte. Minutenlang stand der da, äste und wollte nicht weiter auf die Wiese treten.“ Etwas verwundert fragte ich ihn: „Und warum hast du ihn nicht mit Links geschossen?“
Mal Hand aufs Herz: wer von euch hat es noch nie erlebt, dass erwartetes Wild nicht optimal austritt, sondern – als Rechtshänder – weit rechts bis hinten rechts? Nicht immer erlaubt es der Hochsitz, sich dann so weit zu verdrehen, dass man, die rechte Hand am Pistolengriff, mit einer guten Auflage zielen und schießen kann. Eine Schussabgabe mir der schwachen Hand wäre möglich, doch der eine denkt nicht dran und die andere traut sich nicht.
„Geht das denn wirklich?“ fragte auch unser Jungjäger.
„Wenn man es mal geübt hat und sich an sichere Entfernungen hält: ja klar – sogar mit einem rechts geschäfteten Gewehr!“ antwortete ich. „Natürlich ist es besser, dies zunächst auf dem Schießstand zu machen. Dort kann man das in Ruhe üben und so einen sicheren Ablauf aufbauen.“
Die Herausforderung: Anatomie und Hirn
Schießen üben mit der schwachen Hand erscheint erstmal anspruchsvoll, aber es hat mehrere Vorteile:
grundlegend bereitet man sich auf diese Situation vor. Fasst man das Gewehr mit der schwachen Hand am Pistolengriff und legt die andere Wange an den Hinterschaft, fühlt sich das zunächst „falsch“ an, weil unser Muskelgedächtnis und unser Gehirn das so nicht kennen. Darum ist es wichtig, dies zunächst mit der ungeladenen Waffe zu üben, zuhause oder auf dem Schießstand. Ist man ein paar Mal mit der anderen Seite in den Anschlag gegangen, so wird es vertrauter und geübter, es fühlt sich etwas besser an.
Ferner freut sich unser Gehirn, wenn wir gewohnte Handlungen auch mal mit der anderen Hand machen. Außer dem Schießtraining ist es noch besser, weitere Aktionen im Alltag „mal mit links“ gemacht werden. Wenn man mit der schwachen Hand beziehungsweise Körperhälfte handelt, freut sich das Gehirn. Es empfindet eine solche Aktion, als wäre es eine komplett neu zu erlernende Sache, und das Gehirn lernt gerne. Medizinisch gesagt: wenn wir mit der schwachen Seite handeln, entstehen starke neuromuskuläre Reize im Gehirn. Durch solche Handlungen entstehen neue Nervenverknüpfungen, diese halten Geist und Körper fit und man setzt Impulse gegen den Alterungsprozess.
Schießtechnik verbessern und korrigieren
Auch falsch gelernte Handlungsabläufe können über ein Durchführen mit der schwachen Hand korrigiert werden. Ein Kunde von mir wollte besser im Präzisionsschiessen werden. Bei ihm hatten sich zwei Ablauffehler eingeschlichen: sofort nach dem Schuss zuckte sein Abzugsfinger vom Züngel weg und gleichzeitig riss er den Kopf von der Schaftbacke hoch. Dies Verhalten zeigen viele Schützen, die oft auf einem Stand mit Kamera und Monitor schießen: nach dem Knall geht der Blick sofort auf den Bildschirm. Aber diese zwei Bewegungen sind schlecht für einen optimale und präzise Schussabgabe. Auch der „Blick durchs Feuer“ mit Beobachtung des beschossenen Tieres wird unmöglich.
Daher ließ ich diesen Kunden die Büchse - zunächst ohne Patronen – mit Links in Anschlag bringen, und gab ihm den Auftrag, beim Ziehen des Abzugs leise „Langsaaam“ zu murmeln. Solch ein ungewohntes Handeln bringt das Gehirn dazu, den Handlungsablauf in viele kleine Abschnitte zu unterteilen. Was wir mit der starken Hand flüssig und ohne nachzudenken in einem Schwung tun, ist plötzlich eine Kette neuer, noch nie gemachter Handlungsschritte. Diese Teilhandlungen muss man nun sehr bewusst durchführen, alles geschieht langsamer.
Dadurch ergibt sich die Chance, diese Handlungen etwas anders durchzuführen als man es gewohnt ist.
Zielübungen am Schießstand: kleine Schritte, große Wirkung
Dem Kunden half dies: sein Finger blieb nach dem „Klick“ am Abzug und er schaute weiterhin durch seine Zieloptik. Nach fünf Trockenschüssen ließ ich ihn fünf scharfe Schüsse mit der schwachen Hand abgeben und das Resultat war eine akzeptable Lochgruppe auf der Zielscheibe. Er erhielt als Teil seines Trainingsplans die Aufgabe, einmal die Woche zuhause am Tisch und einmal im Monat auf dem Stand erst 10 (Trocken)Schüsse mit der schwachen Hand auszuführen und dann 10 mit der starken Hand abzugeben. Die Schüsse mit rechts sollten so langsam wie möglich ausgeführt werden: so bleibt der Handlungsablauf in einzelnen Teilschritten und es erleichtert es unserem Gehirn, falsche Aktionen anders, eben neu und richtig, durchzuführen.
Auch wenn das Gewehr für einen Rechtsschützen geschäftet ist, kann man damit auch mit der linken Seite umgehen, es dauert ein wenig länger. Etwas leichter tut man sich, wenn der Schaft wie bei vielen modernen Büchsen neutral beziehungsweise gerade geschäftet ist. Auf dem Ansitz hat man meist etwas mehr Zeit, auf das Wild in Anschlag zu gehen und kann dies, wenn geübt, eben auch mit der schwachen Seite vollbringen.
Fazit: Mehr Sicherheit, Selbstvertrauen und Erfolg
Das Schießen-Üben mit der schwachen Seite bringt also lauter Vorteile. Jedes Hantieren, jedes Üben bringt mehr Sicherheit im Umgang mit der eigenen Waffe und stärkt somit das Selbstvertrauen, dass man dieses Gerät beherrscht. Das ist besonders wichtig, weil unser Handwerkszeug, wenn falsch bedient, großes Leid hervorrufen kann bei Tier und Mitmenschen. Diese Fehler gilt es zu vermeiden. Mit der schwachen Seite sollte genauso oft geübt und Waffenhandhabung gemacht werden, wie mit der normalen, starken Seite. So ist man gut vorbereitet auf alle Eventualitäten bei der Jagd!
Im Herbst waren wir drei Jäger wieder ansitzen. Diesmal brachte Ernst ein Kitz im Kofferraum mit. „Kann das bitte einer von euch aufbrechen, ich hab mich vor ein paar Tagen verletzt.“ sagte er und wedelte mit einer hell umwickelten rechten Hand. „Nanu, und wie hast du dann schießen können?“ wunderte sich Sebastian. „Na, mit links!“ grinste der Jungjäger.
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